Stiftungen gewinnen an Bedeutung
[drucken]Datum: 16.11.2009
Veranstaltung "Anstiften zum Stiften" findet große Resonanz auf dem Johannisberg
Zur ersten gemeinsamen Veranstaltung hatten am Sonntag die Bürgerstiftung "Ein Herz für Bad Nauheim" und der Verein "Wirtschaft für Bad Nauheim" auf den Johannisberg eingeladen. Nach dem Sektempfang zur Musik der Kurkapelle unterstrichen die einladenden Institutionen in ihrer Begrüßung, dass Gesellschaft und Politik die finanzielle und ideelle Impulskraft von Stiftungen wieder entdecken, zumal in schwieriger werdenden Zeiten.
Die Gäste erfuhren in vier Referaten, dass es in Bad Nauheim seit Langem facettenreichen Initiativen gibt, die unkonventionell zu nachhaltigem Erfolg in Sachen Stadtentwicklung, Wissenschaft, Forschung und Unterstützung Hilfsbedürftiger führten. Aus ihrem Erfahrungsschatz berichteten vier ortsansässige Stiftungen: Klaus O. Ruppert sprach im Namen der Bürgerstiftung „Ein Herz für Bad Nauheim“, Klaus Peter Haar berichtete von der Willy-Robert-Pitzer-Stiftung, Professor Dr. Dr. Thomas Braun über die William-G.-Kerckhoff-Stiftung für wissenschaftliche Forschung und Fortbildung („Kerckhoff-Stiftung alt“) und Ulrich Jung von der Stiftung William G. Kerckhoff Herz- und Rheumazentrum Bad Nauheim („Kerckhoff-Stiftung neu“). Die Moderation übernahmen Armin Häfner und Harald Hock. Zunächst wurden grundsätzliche Überlegungen angestellt. „Manche Dinge werden nicht mehr einfach sein, vieles gar nicht mehr so, wie es einmal war“, ging Dr. Johannes M. Peil, Vorsitzender von „Wirtschaft für Bad Nauheim“, auf die Probleme mit Rente, Krankenversicherung und Arbeitslosigkeit ein. Stiftungen könnten Dinge bewirken, die früher Aufgabe der Politik gewesen seien.
Ruppert machte deutlich, dass bisherige Finanzierungsmodelle der Gesellschaft heute nicht mehr reichten. Gleichwohl finde Engagements-Politik nur zögerlich statt – wohl auch deshalb, weil engagierte Bürger mitreden wollten ohne Rücksicht auf politische Mehrheitsverhältnisse. „ Wir brauchen einen gesetzlichen Rahmen zur Förderung bürgerschaftlichen Engagements“, sagt Ruppert.
Bürgerschaftliches Engagement wirke unmittelbar und nachhaltig und bringe eine Stadt voran. Die Stiftung „Ein Herz für Bad Nauheim“ habe die Zeichen der Zeit erkannt und gehört mit ihrer Gründung vor fünf Jahren zu den Vorreitern von bundesweit mittlerweile 257 Bürgerstiftungen. Mehr noch als finanzielle Anstöße wögen die Initiierung von ehrenamtlichen Projekten wie Nachbarschaftshilfe, Freiwilligenzentrum, Museenverein, Bildungsunterstützung oder wirtschaftliche Vernetzung.
Auf die Erfolgsgeschichte der Willy-Robert-Pitzer-Stiftung mit 50 Millionen Euro Stammkapital und jährlich Zuwendung von 1,7 Millionen Euro, blickte Haar zurück. Die Einrichtung hat sich der Förderung des, der Jugend- und Altenhilfe, des Sports, der Wissenschaft und des Wohlfahrtswesens verschrieben und verleiht jährlich den mit 10 000 beziehungsweise 25 000 Euro dotierten Pitzer-Preis (in diesem Jahr an das Kinderherzzentrum in Gießen). Auch unkonventionelle Soforthilfe für Menschen in Not mache die Stiftung möglich. Die Willy-Robert-Pitzer-Stiftung war 2001 vom namensgebenden Bad Nauheimer Architekten mit einem Stammkapital von 25 Millionen Euro gegründet worden. Anfang 2009 wurde sie mit der ähnlich ausgelegten Willy-und-Monika-Pitzer-Stiftung zusammengelegt, die Pitzer bereits 1981 mit 1,3 Millionen Euro Kapital gegründet hatte. Pitzer verfügte, dass nach seinem Tod nahezu sein gesamtes Vermögen in die Stiftung fließt. Er starb 2004 im Alter von 80 Jahren.
Haar erklärte den Gästen allgemeine Grundsätze des Stiftens. So sollte eine Stiftung unbedingt zu Lebzeiten gegründet werde, um steuerliche Fallstricke zu umgehen und ihren Zweck noch beeinflussen zu können. Im Stiftungsrecht verankert sei der Grundsatz, dass das Stammkapital nicht angegriffen, dieses aber nachträglich durch Zustiftungen vermehrt werden dürfte, was zugleich die Zinseinnahmen und damit die zur Verfügung stehenden Fördergelder vermehre. Erwirtschaftete Mittel müssen zeitnah ausgegeben werden, nur bei längerfristigen Projekten seien genau bezifferte Rücklagen erlaubt.
Wissenschaftlichen Nachwuchs fördernSeit 80 Jahren fördert die William-G.-Kerckhoff-Stiftung Wissenschaft und Forschung. Mit einer Förderung ausschließlich aus öffentlicher Hand sei die weltweite wissenschaftliche Exzellenz nicht zu erreichen gewesen, unterstrichen Prof. Braun und Ulrich Jung. Mit den Fördergeldern aus der 1929 mit 1,7 Millionen US-Dollars gegründeten Stiftung könne wissenschaftlicher Nachwuchs unterstützt und der Standort Bad Nauheim gesichert werden. „Wir handeln lokal, um globale Ziele zu erreichen“, ging Braun ein auf insgesamt 500 Stipendien für junge Wissenschaftler. Wie Jung sagt, habe die Förderung der Krankenversorgung und medizinischen Forschung in den 1990er-Jahren eine derartige Erfolgssteigerung erlebt, dass man 1998 die neue Stiftung gründete – zumal auch die medizinische Herz-Kreislauf-Ausrichtung um den Rheuma-Bereich erweitert worden sei. Ohne Stiftungsmittel seien die Weiterentwicklung der Kerckhoff-Klinik und die Sicherstellung der wissenschaftlichen Forschung am Max-Planck-Institut nicht zu stemmen. Jung nannte ein Fördervolumen von 2,7 Millionen Euro in 37 Projekten während der letzten zehn Jahre und bezeichnete die Stiftung als „Erfolgsmodell für ein gemeinnütziges Krankenhaus“.

Blick ins Auditorium mit den Referenten Klaus Peter Haar, Ulrich Jung sowie Dr. Johannis M. Peil (Wirtschaft für Bad Nauheim), rechts daneben die Referenten Prof. Dr. Dr. Thomas Braun und Klaus O. Ruppert. In der zweiten Reihe links die Moderatoren Harald Hock (Wirtschaft für Bad Nauheim) und Armin Häfner (Bürgerstiftung).
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Wetterauer-Zeitung